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Dagmar Tille
Dagmar Tille
 
...Fortsetzung Interview mit Dagmar Tille

 

AD: Du siehst Deine Herangehensweise als dokumentarisch?

DT: Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich versuche vor allem, den stereotypen Bildwelten, die uns überall begegnen, etwas entgegen zu setzen. Das hat teilweise dokumentarische Züge, aber das ist es nicht, worauf es mir ankommt. Es ist eine Antwort auf die Bilderschwemmen, bei denen jeder Frau unter 80 digital die Falten radikal weggebügelt werden, Männern hingegen als Zeichen von Durchsetzungsvermögen und Männlichkeit die Bartstoppeln und Falten im Gesicht gnadenslos zu betonen. Da finden sich überhaupt keine Zwischentöne mehr. Das betrifft nicht nur die Menschendarstellung, sondern auch die Landschafts-, Architektur-, Tier- und Produktfotografie, - nahezu alle Bereiche. Alles soll auf den ersten Blick erkennbar einzuordnen und auf eine bestimmte Art dargestellt sein. Nach diesem Dogma steht die freundliche Uhr immer auf 10 nach 10. Alles andere ist falsch und hat keinen Platz. Das Problem, was sich sehe, ist, dass sich damit unser Repertoire gesellschaftlich wirksamer Bilder beinahe vollständig von der gesellschaftlichen Realität löst. Und das hat ja nicht nur ästhetische Aspekte, - von diesen Bildern geht auch manipulative oder sogar normative Wirkung aus – zum Beispiel auf das Rollenverständnis und das Selbstbild. Ich finde das teilweise geradezu beängstigend, da ja die Tendenz besteht, dass die Vorstellungen eines Menschen, die er sich von der Welt und von sozialen Zusammenhängen macht, in immer größerem Ausmaß zuerst durch deren stereotypisierende Darstellung in den Medien geprägt werden.

AD: Deshalb das Teletubby-Bild?

DT: Ja, genau, das Bild ist eine Reaktion darauf. Paradoxerweise hat die Beschäftigung mit dem Thema dazu geführt, dass ich mich in der Malerei von der Abstraktion hin zur figürlichen Darstellung bewegt habe, in meinen Fotografien hingegen eine Tendenz zur Abstraktion und der ästhetisch formalen Gestaltung von Motiven feststellbar ist, die viele als zu banal oder zu häßlich empfinden, um fotografisch festgehalten zu werden.

Das ist für viele irritierend.

AD: Inwiefern?

DT: Vielleicht, weil sie eben nicht so leicht einzuordnen sind. Ob schön oder häßlich ist manchmal gar nicht so leicht zu entscheiden und für mich ist das beim Fotografieren übrigens auch meistens ziemlich unwichtig. Ich nutze für meine Bilder so ziemlich alles, was sich mir gerade bietet, - also auch Autos, Verteilerkästen und so weiter - und ich werte dabei in der Regel nicht. Ich versuche aber, die Bilder sorgfältig aufzubauen. Oft höre ich dann Kommentare, wie "Schade, dass das Auto mit auf dem Bild ist" oder "die halbe Laterne solltest Du auch noch wegschneiden".

AD: Wie reagierst Du auf diese Einwände?

DT: Das kommt darauf an, ob sie berechtigt sind (lacht).

AD: Wie lautet Deine Rechtfertigung für halbe Laternen auf Fotografien?

DT: Brauche ich eine? Aber im Ernst, all diese Element kann man hervorragend einsetzen, um Bildebenen zu strukturieren, wenn man sich einmal von der Idee verabschiedet hat, dass sie stören. Das gilt auch für Verteilerkästen und Autos.

AD: Der Grund ist also ein rein formaler?

DT: Es ist auch ein formaler...Offen gestanden ist mir aber vor allem die negative Reaktion auf Autos auf Fotografien ein wenig unverständlich. Schließlich sagt man den Deutschen nach, ein fast symbiotisches Verhältnis zu ihren Autos zu pflegen. Auch wenn das vielleicht übertrieben ist, so liegt man sicher richtig, wenn man sagt, dass sie für die Menschen sehr wichtig sind und mehr als ein reines Transportmittel darstellen. Das zeigt sich auch darin, dass der Deutschen unmittelbarste Reaktion auf die Krise, darin besteht, sich ein neues Auto zu kaufen. Solange wir das noch können, fühlen wir uns sicher. Warum also sollten sie nicht auf Fotografien sein?